30.04.2018

Immeke Mitscherlich (1899 – 1985)

Sie zählte auch zu Lebzeiten nicht gerade zu den Berühmten unter den Absolventen des Bauhaus, aber die Textilkünstlerin Immeke Mitscherlich hatte immerhin das Glück, dass ihr (in Quadratmetern) größtes Werk im Laufe von Jahrzehnten von Hunderttausenden, vielleicht gar Millionen Menschen gesehen wurde. Denn es war sehr herausragend platziert: an der Stirnwand des Plenarsaales im nordrhein-westfälischen Landtag. Die seit 1932 in Krefeld lebende Immeke Mitscherlich (Mädchenname: Schwollmann) schuf den Wandteppich mit den Emblemen der 1946 zu Nordrhein-Westfalen zusammengefassten Regionen: Rhein (Rheinland), Ross (Westfalen), Rose (Lippe). Von 1951 bis 1986 schmückte die Tapisserie den Plenarsaal. Wenn Regierungsmitglieder vereidigt wurden, wenn Abgeordnete am Rednerpult sprachen – stets war das Kunstwerk der Bauhaus-Absolventin im Hintergrund zu sehen, tauchte auf Pressefotos auf, bildete den Hintergrund bei Fernsehübertragungen aus dem Landtag.

1899 in Kowalewo, in der preußischen Provinz Posen, heute Polen, geboren, kam Immeke Schwollmann 1917 an die Kunstakademie in Weimar. Diese ging 1919 im neu gegründeten Bauhaus auf. Die junge Studentin wählte erst die Töpferei unter Gerhard Marcks, wechselte aber rasch zur Weberei, die Georg Muche leitete. Nach nur wenigen Monaten mußte sie allerdings ihr Studium in Weimar unterbrechen. Der Grund: „Nachkriegszeit und Geldmangel“, wie sie später selbst schrieb. Immeke Schwollmann arbeitete eine Zeitlang im Fürsorgeamt der Stadt Hannover und kehrte 1926 ans Bauhaus zurück, das gerade nach Dessau umgezogen war. Nach vier Semestern machte sie sich mit zwei Webstühlen selbstständig und fertigte vor allem Wandbehänge an.

1929 heiratete sie den Künstler Alexander Mitscherlich (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Psychoanalytiker). Mitscherlich war Autodidakt und betrieb eine Agentur für Reklame- und Produktentwurf, auch für Textiles. Zusammen zog das Paar zunächst nach Berlin um, dann 1932 nach Krefeld. Dort wurde Alexander Mitscherlich Assistent von Johannes Itten an der soeben gegründeten Höheren Fachschule für textile Flächenkunst.

Alexander Mitscherlich starb nach schwerer Krankheit schon 1940. Seine Frau nahm nun eine Stelle als Musterentwerferin in der Industrie an, erst bei der Krefelder Firma Marwa, die zum Firmenverbund der Verseidag gehörte, später beim Textilunternehmen Müller in Oerlinghausen bei Bielefeld. Ihre Arbeitgeber schickten sie zum „Malstudium“ zu Oskar Moll, der früher Direktor der Kunstakademie Breslau gewesen war und nun als „entartet“ offiziell diffamiert wurde.

1950 wurde die Textilkünstlerin mit dem Wandbehang für den Plenarsaal des Düsseldorfer Landtags beauftragt. Ein Jahr später erwarb die Landtagsverwaltung das Werk für 17 800 DM. Im Herbst 1952 bot man Immeke Mitscherlich die Leitung der Modeklasse III an der Krefelder Textilingenieurschule (TIS) an. Hier wurde Modeentwurf, aber auch Modewerbung gelehrt. Immeke Mitscherlich nahm an und gehörte zu den Persönlichkeiten, die – vom Bauhaus kommend und geprägt – die in Deutschland einzigartige Fachschule in Krefeld zu einem Vorläufer der späteren Design-Studiengänge machte. Sie blieb bis zu ihrer Pensionierung 1965.

Die Mode, schrieb Immeke Mitscherlich Mitte der 1950er Jahre, „verlangt von dem Einzelnen ein Mensch mit besonderer Note in einer gemeinschaftlichen Richtung zu sein, die das Zeitbild und den Zeitstil bestimmt“. Für sie hatte Mode eine wichtige erzieherische Funktion.

 

(co/hd)


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