Ludwig Mies van der Rohe, Verseidag Färberei- und HE-Gebäude, Krefeld 1930–1931/1935. Zustand 2010 (Foto: Kristien Daem)
Moderne in Krefeld

Bauhaus in Krefeld

Die Namen Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich sind die ersten und vielleicht sogar einzigen, die genannt werden, wenn man nach der Verbindung des Bauhauses zur rheinischen Textilstadt Krefeld in den 1920/30er-Jahren fragt. Die enge und dauerhafte Verbindung des berühmten Architekten und Bauhausdirektors und seiner Partnerin mit der Krefelder Seidenindustrie ist gut erforscht, die Resultate dieser Zusammenarbeit sind heute noch sichtbar: Es sind die heute von den Kunstmuseen Krefeld für Ausstellungen genutzten Häuser Lange und Esters, repräsentative Wohnhäuser, für die Gründer der Vereinigte Seidenwebereien AG (Verseidag) Ende der 1920er-Jahre errichtet. Und es ist das sogenannte Färberei- und HE- Gebäude, Mies’ einziger Fabrikbau, den er 1931 in Krefeld für die Verseidag realisierte.

Dass aber neben Mies und Reich mehr als dreißig Bauhäusler, also Absolventen und ehemalige Lehrer der Schule seit den 1920er-Jahren in Krefeld gelernt, gelebt oder gewirkt haben, einige davon sogar bis in die 1960er-Jahre, ist allerdings auch in Fachkreisen wenig bekannt. Sie fanden nicht nur in der Architektur, sondern auch im Textildesign und insbesondere in der Gestalterausbildung an den Krefelder Schulen (Schule für Flächenkunst, Textilingenieurschule, Werkkunstschule) neue Wirkungsfelder.

Einer von ihnen war zum Beispiel Johannes Itten, der charismatische, aber auch umstrittene Begründer der Bauhauspädagogik, der 1931 auf Wunsch der Industrie die Leitung der neu gegründeten Flächenkunstschule übernahm. Oder Georg Muche, der ihm 1938 in diesem Amt folgte und während des Krieges eine kleine ›Bauhaus-Enklave‹ in Krefeld aufrechterhielt, wie er selbst später berichtete. Der Maler Max Peiffer Watenphul fand hier Arbeit, andere kamen zu Besuch, wie zum Beispiel der Maler und Bauhausmeister Oskar Schlemmer. ›Soviel Bauhaus hier und alles brauchbare Leute‹, schrieb er seiner Frau, nachdem er bei Georg Muche mehrere seiner ehemaligen Schüler getroffen hatte: Hans Volger, der bis in die 1960er-Jahre als Baurat in Krefeld tätig war; dessen Frau Lis Beyer, aber auch Gerhard und Elisabeth Kadow, die später an der Werkkunstschule lehrten, und andere. Auch der Bauhausstudent Hans Kessler, dessen Briefe an seine Mutter uns heute einen lebhaften Einblick in das tägliche Leben am Bauhaus liefern, lebte seit den 1930er-Jahren in Krefeld.

Eine solche Dichte von Bauhäuslern weisen sonst nur noch Städte wie Hamburg oder Berlin auf. Warum kamen soviele Bauhäusler nach Krefeld? Die Stadt war attraktiv wegen ihrer zahlreichen Unternehmen der Textilindus­trie und der vielen notwendigen Ausbildungs- und Forschungsinstitute. Hier gab es großen Bedarf an Gestaltern für Produktion und Ausbildung. Hinzu kam, dass es bereits aus der Anfangszeit der berühmten Kunstschule Kontakte zwischen Bauhaus und Krefeld gab: 1922, als die Weberei des Bauhauses noch im Aufbau war, kamen Bauhausstudenten nach Krefeld, um an den Textilfachschulen die nötigen technischen Grundlagen des Webens und Färbens zu erwerben. Unter ihnen war auch Gunta Stölzl, die spätere Leiterin der Textilklasse am Bauhaus und lange Zeit einzige Frau im Bauhaus-Kollegium.

Dass aus diesen Anfängen ein reger beidseitiger Austausch entstand, wurde durch ein geistiges Klima begünstigt, das sich bereits während des Jugendstils um 1900 zu entwickeln begonnen hatte: das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum der Stadt schaute interessiert auf die Avantgarde. Seit der Reformbewegung um 1900 waren die Krefelder Industrien wichtige Partner des städtischen Museums für Kunst und Gewerbe. Die Museumsdirektoren machten das Museum zu einem Forum für die Auseinandersetzungen um eine neue, den veränderten industriellen Produktionsbedingungen angepasste Gestaltung. Die Ziele der Reformbewegung und des Werkbundes wurden in Krefeld aktiv diskutiert und umgesetzt. Besonders die Seidenfabrikanten erkannten in den Künstlern der Avantgarde interessante Partner für die ökonomischen Ziele ihrer Industrie im Bereich der Selbstdarstellung und der Ausbildung. Der in Krefeld ansässige Industrieverband ›Verein deutscher Seidenwebereien‹ spielte in diesem Prozess eine zentrale Rolle und bildete eine internationale Plattform. So fanden die Bauhäusler in Krefeld eine Szene vor, die den zeitgenössischen Strömungen in Architektur, Design und Kunst offen gegenüberstand.

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