09.07.2017

Alfred Flechtheim – Der Kunsthändler der Moderne

In Düsseldorf solle man „die Fahne auf dem Parkhotel hissen, wenn er in der Stadt sei, denn er bringe Pariser Luft mit an den Rhein“, schrieb Hermann Lange, der Krefelder Textilfabrikant und Kunstsammler, im April 1928 dem Galeristen Alfred Flechtheims zum 50. Geburtstag. Lange, der damals gerade dabei war, sich von Mies van der Rohe das „Haus Lange“ bauen zu lassen, fügte noch hinzu: „Er möge nie vergessen, dass er hier Heimatrecht habe.“ Fünf Jahre später musste „der Jude Flechtheim“, wie die Nazis ihn nannten, ins Exil flüchten. Die bürgerliche Existenz des wichtigsten deutschen Kunsthändlers der Weimarer Republik zerfiel unter den Repressionen der NS-Machthaber.

Alfred Flechtheim (1878-1937) war einer der Vorkämpfer der Moderne in Deutschland. Er war es, der das Kunstpublikum im Rheinland mit den Bildern der französischen Impressionisten, der Fauves und der Kubisten bekannt machte, der die Sammler und Museen erst im Rheinland, dann in ganz Deutschland mit Werken der aktuellen Kunstströmungen versorgte. Seine 1913 auf der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Allee gegründete und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auf der Königsallee ansässige Galerie war mehr als eine Kunsthandlung, sie war ein Brückenkopf der internationalen Moderne im politisch und kulturell noch weitgehend reaktionären Milieu zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Erst nur in Düsseldorf, später auch in seinen Dependancen in Köln, Frankfurt und Berlin richtet Flechtheim 150 Ausstellungen aus. Die Liste der Künstler, die er präsentiert, reicht von Degas und Signac über Van Gogh, Matisse und Léger bis zu Gris und Picasso. Unter den Deutschen, die er vertritt, sind die „Bauhäusler“ Klee, Schlemmer und Kandinsky, außerdem Künstler wie Beckmann, Grosz, Modersohn-Becker und Lehmbruck und sogar die Krefelder Expressionisten Campendonk und Nauen.

Das Berliner Georg-Kolbe-Museum würdigt derzeit (bis zum 17. September 2017) das Lebenswerk Alfred Flechtheims und setzt den Schwerpunkt auf die Skulpturen, die Flechtheim in seinen Galerien ausstellte und verkaufte. Sie dokumentiert neben den stilistischen auch die biografischen Gegensätze der Flechtheim-Bildhauer, die von Arno Breker, der im Nationalsozialismus zum Staatskünstler aufstieg, bis hin zu dem in Auschwitz ermordeten Moissey Kogan reichen.

www.georg-kolbe-museum.de

Alfred Flechtheim veröffentlicht in den knapp 20 Jahren seiner Galeristentätigkeit rund 200 Ausstellungskataloge und Mappenwerke, schreibt gelegentlich selbst Vorworte und Essays und gibt mit der Zeitschrift „Der Querschnitt“ ein mondänes Periodikum heraus, in dem er nicht nur Bilder „seiner“ Künstler publiziert. Auch die wichtigsten zeitgenössischen Autoren der 20er und frühen 30er Jahre schreiben für Flechtheims Blatt. Viele kommen regelmäßig zu den Ausstellungen und Festen in den Galerien, treffen dort Künstler und Kunstsammler. Zum Kreis um Flechtheim zählen auch Filmstars, Sportler wie Max Schmeling, Tänzerinnen und Musiker. Damit ist 1933 Schluss.

Ausgabe von Flechtsheims Zeitschrift „Der Querschnitt“

Alfred Flechtheim stirbt 1937 verarmt und krank im britischen Exil. Seine Frau Betty, die in der Berliner Wohnung des Ehepaares bis 1941 ausharrt, nimmt sich am Vorabend der angekündigten Verschleppung in ein Konzentrationslager das Leben. Die umfangreiche Kunstsammlung der Flechtheims, all die Werke von Impressionisten und Kubisten, die Van Goghs, Klees und Lehmbrucks, die zeitweilig größte deutsche Picasso-Privatsammlung, ist größtenteils verschollen.

 

Die Website alfredflechtheim.com ist Ergebnis eines Forschungs- und Ausstellungsprojekts und zeigt derzeit 324 Kunstwerke, die in irgendeiner Weise mit Alfred Flechtheims Galerien zusammenhängen. Aufgeführt sind unter anderem auch die Bilder, die der Krefelder Sammler Hermann Lange bei Flechtheim erwarb:

alfredflechtheim.com/werke

Zeitungsanzeige der Galerie Flechtheim


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