14.05.2018

Elisabeth Kadow (1906 – 1979)

Die 1906 geborene Elisabeth Kadow hat nicht nur eine für Frauen ihrer Generation erstaunliche Karriere gemacht, sie verkörpert auch in ihrem persönlichen Werdegang die kunstpädagogische Tradition, die in den Kunstgewerbeschulen der deutschen Kaiserzeit beginnt und über das Bauhaus und die höheren Berufsfachschulen der Nachkriegszeit zu den Fachhochschulen heutigen Zuschnitts führt. Mit ihren Lehrmethoden, ihrem persönlichen Wesen und Charisma wurde Elisabeth Kadow die vielleicht einflussreichste Künstlerpersönlichkeit an der Krefelder Textilingenieurschule (TIS).

Keine andere Krefelder Lehrkraft hatte allerdings eine so profunde und breite Ausbildung genossen wie die als Elisabeth Jäger in Bremerhaven geborene Tochter eines Architekten. Sie besuchte zunächst die Innenarchitekturklasse der Kunstgewerbeschule Bremen, dann den Vorkurs und die Webereiwerkstatt am Bauhaus in Weimar. Anschließend absolvierte sie den Kaufmannskurs an der Höheren Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie in Berlin, die Städtische Gewerbe- und Kaufmannsschule in Braunschweig und die Textilklasse der Meisterschule des deutschen Handwerks in Dortmund.

Nach einigen Jahren Berufstätigkeit als Lehrerin an der Dortmunder Meisterschule und als freie Entwerferin für die Industrie kam Elisabeth Kadow schließlich 1939 nach Krefeld. Georg Muche, den sie bereits 1924 an Bauhaus kennen gelernt hatte, leitete hier inzwischen die neu geschaffene Meisterklasse für Textilkunst. Dort schloss Elisabeth Kadow nach einem Jahr ihre Ausbildung ab. Schon im folgenden Jahr wurde sie Muches Assistentin. Und 1940 heiratete sie den ebenfalls am Bauhaus bei Klee und Kandinsky ausgebildeten und jetzt als Dozent in Krefeld tätigen Gerhard Kadow.

In den Kriegs- und Nachkriegsjahren wurde Elisabeth Kadow erst Leiterin erst der Modeklasse III (Modeentwurf) und übernahm schließlich die Klasse für Druckgestaltung. Die Art und Weise, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler auf die künftige Arbeit als Stoffdesigner vorbereitete, war in den vierziger Jahren in Deutschland fast ohne Beispiel. „Frau Kadow legte Wert darauf, dass wir uns der freien, nicht zweckgebundenen Auseinandersetzung mit Material und Farbe stellten“, erinnert sich noch heute die inzwischen 93jährige Annette Pöllmann, die von 1948 bis 1950 bei Elisabeth Kadow studierte. „Sie forderte uns heraus und bestärkte uns in unseren Fähigkeiten, sie ermutigte uns, eigene Wege zu gehen.“

Als Georg Muche 1958 in den vorzeitigen Ruhestand ging, übernahm Elisabeth Kadow die Leitung der Meisterklasse sowie der gesamten textilkünstlerischen Abteilung der Textilingenieurschule. Sie ging am letzten Tag der Existenz der Krefelder Textilingenieurschule (TIS) in Pension. Am 1. August 1971 ging diese in Deutschland einzigartige Ausbildungsstätte in der neu gegründeten Fachhochschule, der heutigen Hochschule Niederrhein, auf.

Neben ihrer Lehrtätigkeit war Elisabeth Kadow auch als Textilkünstlerin tätig. Ihre Entwürfe, Stoffe und Teppiche wurden in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Seit Mitte der 1950er Jahre entwarf Elisabeth Kadow großformatige Arbeiten auch für öffentliche Räume, etwa für das neue Dortmunder Opernhaus. Die traditionelle Tapisserie erfuhr durch sie neue, innovative Impulse. Zahlreiche Einzelausstellungen sowie Beteiligungen an internationalen Ausstellungen belegen ihre Bedeutung als eine der führenden Textilkünstlerinnen ihrer Zeit.

(hd/co)


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