27.06.2017

Empfehlung zum Wiederlesen: Johannes Itten „Kunst der Farbe“

„Farbe ist Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint uns wie tot. Farben sind Ur-Ideen, Kinder des uranfänglichen farblosen Lichtes und seines Gegenpartes, der farblosen Dunkelheit. Wie die Flamme das Licht, so erzeugt Licht die Farben. Farben sind Kinder des Lichtes, und Licht ist die Mutter der Farben. Das Licht, die des Urphänomen der Welt, offenbart uns in den Farben den Geist und die lebendige Seele dieser Welt.“

Erst 1961, nach fast 50 Jahren Lehrtätigkeit, darunter vier Jahren Bauhaus in Weimar (1919-1923) veröffentlichte Johannes Itten das Konzentrat seiner Farbenlehre unter dem Titel „Die Kunst der Farbe“. Er hatte sie im Laufe seines Lebens immer weiter entwickelt. Seitdem ist die (gekürzte) Studienausgabe des Buches – ein quadratisches Büchlein – aus der Pädagogik, der Ausbildung in vielen gestalterischen Berufen, aus Kunst, Design, Mode und Architektur nicht wegzudenken. Selbst Bühnen- und Maskenbildner, Typberater, Kosmetikerinnen und Floristen halten sich an die Erkenntnisse aus Ittens Farbenlehre.

Das erste Manuskript zu diesem bedeutenden und einflussreichen Werk, entstand in der Zeit, als Itten die Höhere Fachschule für Textile Flächenkunst in Krefeld leitete (1932-38). In der ersten posthum erschienenen Auflage des Buches (1970) schrieb Ittens Witwe Anneliese im Vorwort, erst an der Krefelder Fachschule sei die Farbenlehre entscheidender Bestandteil von Ittens Unterricht geworden. Anneliese Itten, geb. Schlösser, wußte, wovon sie schrieb, denn sie war vor der Ehe mit dem berühmten Künstler in Krefeld seine Schülerin gewesen. „Das Kolorieren der Stoffentwürfe, die Beschäftigung mit Modefarben und Farbenkarten erforderten eine umfassende Kenntnis der Farben und ihrer Gesetzmäßigkeiten.“

In „Kunst der Farbe“ fasst Itten die Ergebnisse seiner Bildanalysen alter Meister zusammen, erörtert den symbolischen Bedeutungsgehalt von Farben in unterschiedlichen kulturellen und historischen Zusammenhängen und diskutiert Komposition und Kontrast von unterschiedlichen Farben. Itten beschreibt die Welt der Farbe wie eine Sprache, deren Vokabular und Grammatik man kennen muss, um die Sprache sinnvoll einsetzen zu können. Dabei unterscheidet Itten zwischen dem praktischen Gebrauch der Farben in der „Objektwelt“ und den künstlerischen Bemühungen, deren Sinn und Aufgabe „das Freimachen des geistigen Wesens der Form und Farbe“ sei: „Der Maler verwendet für seine Gestaltungen Bildflächen und Farben, die Kraftströme fließen aus ihm selbst. Er gestaltet seine Empfindung unter Führung der Intuition oder Inspiration.“

Auch wenn zwischen den Zeilen gelegentlich das expressionistische Pathos aus Ittens Jugendzeiten und seine esoterischen Neigungen durchscheinen, ist „Kunst der Farbe“ ein lesenswerter Ritt quer durch die Kulturgeschichte und eine Lektüre, die für die Wahrnehmung von Farben in unserer Umwelt sensibilisiert.


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