26.05.2018

Georg Muche (1895 – 1987)

Von allen ehemaligen Lehrern und Absolventen des Bauhaus, die ab Ende der 1930er Jahre in Krefeld in der Gestalter-Ausbildung tätig wurden, war Georg Muche sicher der Bauhaus-Prototyp schlechthin. Er war vielseitig: obwohl eigentlich Maler, hatte er am Bauhaus in Weimar und Dessau von 1921 bis 1927 die Weberei geleitet, hatte eine Zeit lang mit Johannes Itten den Vorkurs – die künstlerische Grundausbildung – betreut und war, obwohl Autodidakt, bei wegweisenden Projekten als Architekt tätig gewesen. Er hatte sich mit Freskomalerei beschäftigt und an verschiedenen Schulen und Hochschulen gelehrt. Aber Muche erlangte nie den Bekanntheitsgrad wie seine Kollegen Oskar Schlemmer oder Johannes Itten, ganz zu schweigen von Malern wie Kandinsky oder Klee.

Als Georg Muche 1920 von Walter Gropius ans Bauhaus berufen wurde, war er gerade 25 Jahre alt: der jüngste Bauhausmeister. Als Maler hatte er sich bereits einen Namen gemacht, in Berlin hatte er zum Kreis um Herwarth Walden und seine Galerie „Der Sturm“ gehört, in dem sich vor allem Expressionisten und Dadaisten trafen. Muche stellte zusammen mit Max Ernst, Paul Klee und Alexander Archipenko aus, arbeitete als Lehrer und Ausstellungsleiter.

Bauhaus in Weimar und Dessau

Dann das Bauhaus Weimar: für Georg Muche ändert sich vieles, privat und beruflich. Er lernt seine Frau Elsa („El“) Franke kennen – eine Studentin – und heiratet sie1922. Er leitet die Web-Werkstatt und unterstützt das von Itten entwickelte Konzept des Vorkurses, einer ganzheitlichen kreativen Grundausbildung, und sympathisiert auch mit dessen esoterisch-religionsphilosophischer Mazdaznan-Bewegung. Muche steht dem Ausschuss für die Bauhaus-Ausstellung 1923 vor, bei der er beispielhaft demonstriert, was Walter Gropius im Bauhaus-Manifest 1919 formuliert hatte, dass nämlich das höchste künstlerische Ziel „der große Bau“ sei: der Architektur-Laie Muche entwickelt das Haus, das er eigentlich für sich und seine Frau El entworfen hat, zu einem Musterhaus für das Bauhaus, dieser neuen Gestalter-Hochschule weiter, die in den Anfangsjahren überhaupt keine eigene Architektur-Abteilung hat. Das „Haus am Horn“ wird das erste gebaute Zeugnis der Bauhaus-Idee.

Auch in Dessau bleibt Muche der Bauhaus-Weberei verbunden und arbeitet an Architekturprojekten, etwa an einem industriell herzustellenden Stahlhaus. Doch er kritisiert auch die zunehmende Ausrichtung des Bauhaus auf die industrielle Formgebung. Neben der Zweckorientierung brauche die Kunsthochschule Freiräume, in denen sich Künstlerpersönlichkeiten entwickeln könnten. 1926 schreibt er: „Die technische Bindung macht die Kunst zu einem nutzlosen Etwas – die Kunst, die allein über die Grenze des Gedankens hinaus zur Größe schöpferischer Ungebundenheit einen Ausblick geben kann.“

Überleben in der Nazi-Diktatur

Nach internen Konflikten verlässt Muche 1927 das Bauhaus, lehrt anschließend Johannes Ittens privater Berliner Kunst- und Kunstgewerbeschule, wird Professor an der Breslauer Kunstakademie. 1933 schließen die Nationalsozialisten die Akademie, entlassen Muche fristlos. Er kann sich als Lehrer durchschlagen, als Künstler gerät er auf den Index der Nazis. 1937 werden auch seine Bilder aus deutschen Museen entfernt, zwei Werke werden in der diffamierenden Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

Nach Krefeld kommt Muche im Frühjahr 1939. Die in Berlin ansässige zentrale Interessenvertretung der Textilindustrie hat ihn ausgewählt. Er soll in der Stadt der Seidenindustrie am Rhein eine neu gegründete, in Deutschland einzigartige Meisterklasse für Textilkunst leiten. Die Industrie wünscht eine Art Fachhochschule, an der künstlerisch Begabte mit textiltechnischen Kenntnissen eine spezielle gestalterische Weiterbildung erhalten, ähnlich wie in einer Klasse einer Kunstakademie. Georg Muche führt nun in anderem Kontext die Arbeit fort, die sein ehemaliger Bauhaus-Kollege Johannes Itten 1932 bis 1938 mit seiner Fachschule für Flächenkunst begonnen hat. In Krefeld gelingt es Muche unter dem Schutzschirm der (kriegswichtigen) Industrie eine Art „kleines Bauhaus“ am Rhein zu etablieren und in den Nachkriegsjahren fortzuführen.

Textilingenieurschule in Krefeld

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Georg Muche zusätzlich zu seiner Lehrtätigkeit die Leitung der gesamten textilkünstlerischen Abteilung der Krefelder Textilingenieurschule mit ihren drei Modeklassen, den Klassen für Web- und für Druckgestaltung sowie seiner Meisterklasse. In dieser Fachschule sah Muche unter veränderten Verhältnissen das realisiert, was als Bauhaus-Idee formuliert und in Weimar und Dessau als Konzept entwickelt worden war. 1956 schrieb er: „Gäbe es heute wieder ein Bauhaus als Hochschule für Gestaltung, so würden seine Ausbildungsstätten nicht mehr an einem Ort, sondern in den Zentren der verschiedenen Industrien liegen müssen. Die Textilingenieurschule Krefeld ist ein Beispiel für die neue Form der industriegestaltenden Schulen, an denen das Verständnis für technisch bedingte und für künstlerisch bedingte Formgebung geweckt und entwickelt wird zur Wiedergewinnung und Erhaltung der Ganzheit im schöpferischen Menschen und zum Nutzen von Wirtschaft und Industrie, die dadurch die besten, wirksamsten und anregendsten Begabungen zu Mitarbeitern erhält.“

Muche ging 1958 in den Ruhestand, zog nach Lindau am Bodensee und widmete sich wieder der Malerei. Für ihn war es die Rückkehr zu seinen künstlerischen Wurzeln.

(hd/co)

 


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