06.05.2018

Gerhard Kadow (1909 – 1981)

In den fünfziger bis siebziger Jahren geschah es nicht selten, dass man in kunstsinnigen bürgerlichen Haushalten im Rheinland auf einen Kadow stieß, auf ein Bild dieses Kunstprofessors aus Krefeld, dessen Name in der Nachkriegszeit einen guten Klang hatte. Die großen Museen der rheinischen Städte richteten Gerhard Kadow Einzelausstellungen aus, als Mitbegründer und zeitweiliger Vorsitzender der Neuen Rheinischen Sezession war er ab 1949 auch in Künstlerkreisen gut vernetzt und seine Bilder tauchten immer wieder in Gruppenausstellungen auf.

Wer in diesen Jahren einen Kadow besaß, wies sich als Freund der gemäßigten Moderne aus und wusste die Einzelgänger-Position des Malers zu schätzen, dessen poetische Farb- und Formkompositionen mit einem manchmal feinen Humor noch am ehesten an Paul Klee erinnerten. Bei Klee und bei Wassily Kandinsky hatte Kadow am Bauhaus in Dessau studiert und anschließend, nach der Machtübernahme der Nazis, in Webereien in den Niederlanden und als Musterzeichner gearbeitet. Seine freie Malerei stellte Kadow, nachdem er die ersten Repressalien des Naziregimes zu spüren bekommen hatte, vorübergehend ein. Von allen bald 40 „Bauhäuslern“ in Krefeld war Gerhard Kadow derjenige Künstler, dem seit der Ankunft in Krefeld ständig die lokalen Nazi-Parteigremien im Nacken saßen und seine Anstellung als Lehrer zu verhindern suchten.

Die einflussreichen Krefelder Textilindustriellen hatten Gerhard Kadow im Sommer 1938 als Lehrer für die neu einzurichtende Klasse für künstlerische Web- und Druckgestaltung an der Webeschule ausgewählt. Kandidaten für den öffentlichen Dienst benötigten allerdings seit 1933 die Zustimmung der NSDAP. Die lokalen Nazi-Größen aber lehnten Kadow ab. Drei Mal verweigerten sie die Zustimmung zu seiner Anstellung, immer wieder beantragte die Stadt die Genehmigung, unterstützt durch die Industrie, die begründete, warum man Kadow und keinen anderen Lehrer für die Webschule brauche. Erst im Frühjahr 1940 willigten die Nazis widerstrebend ein, Kadow wenigstens für die Dauer des Krieges als Lehrer zu beschäftigen. Doch davon hatte er nicht viel. Kurze Zeit später wurde Kadow zur Wehrmacht eingezogen und von 1942 bis 1945 an die Front nach Frankreich und Russland geschickt.

Bereits 1940 hatte Kadow die Malerin und Textilgestalterin Elisabeth Jäger geheiratet, die ebenfalls zwei Jahre am Bauhaus studiert hatte, bevor sie an andere Kunstschulen wechselte und schließlich auch in Krefeld landete. Nach dem Krieg nahm Kadow seine Lehrtätigkeit an der Textilingenieurschule wieder auf, an der auch seine Frau seit 1940 als Dozentin beschäftigt war. Er wechselte aber 1950 an die neu gegründete Krefelder Werkkunstschule. Hier übernahm er die Leitung des Vorkurses nach dem berühmten Bauhaus-Vorbild: Jede Schülerin, jeder Schüler hatte den Vorkurs, eine Art kreativer Grundausbildung, zu absolvieren. Hier ging es um den freien, experimentellen und spielerischen Umgang mit Materialien, noch frei von Zweck und Funktionalität. Erst danach konnte man ein spezielles Lehrfach wählen.

Dass ein Bauhäusler an der Werkkunstschule so etwas anbot, provozierte bald öffentliche Kritik. Mancher sah die Schule als Weiterbildungseinrichtung für den Nachwuchs im Handwerk gefährdet, befürchtete nachteilige Auswirkungen abstrakter, „nihilistischer“ Kunstpositionen auf die Lehre. Der Streit darum wurde zur bundesweit beachteten „Krefelder Affäre“, die bis in die 1950er Jahre immer wieder aufflammte. Erst als sich Handwerkskammer und Landesregierung ganz offiziell auf die Seite der Schule stellten und mäßigend auf die kritische Presse einwirkten, fand diese „Affäre“ ein Ende.

Gerhard Kadow erhielt 1961 für seine Verdienste den Professorentitel. 1967 verließ er die Krefelder Werkkunstschule, um eine Professur für Malerei an den Kölner Werkschulen anzutreten.

(co/hd)


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