Rudolf Wettstein und Willi Kaiser

Haus Heusgen

1932

Im August 1930 erwarb die junge Milly Geissen, später verheiratete Heusgen (1905–1981), ein Hanggrundstück am Hülser Berg in der Nähe von Krefeld. Am 1. Februar 1932 reichte sie beim Bauamt einen Bauantrag für ein Privathaus für sich und ihren Verlobten Karl Heusgen (1902–1967) ein. Unterzeichnet war der Bauantrag vom Krefelder Architekten Rudolf Wettstein, vom dem jedoch keine vergleichbaren Bauten bekannt sind. Die große Nähe des Entwurfs zur architektonischen Sprache Mies van der Rohes, der zeitgleich zahlreiche Bauten für Krefelder Auftraggeber ausgeführt hatte, führte dazu, das man ihn als Urheber in Betracht zog

Anlässlich der Restaurierung des Gebäudes Anfang 2000 fanden erste Recherchen zur Geschichte des Entwurfs und der möglichen Urheberschaft Mies van der Rohes statt. Sie mündeten in die Zuschreibung des Entwurfs an Mies auf Grund stilistischer Ähnlichkeiten zum Haus auf der Bauausstellung von 1931 und zum Golfclub-Projekt von 1930 sowie genereller struktureller Ähnlichkeiten.
Jüngere Recherchen widerlegen die Zuschreiben mit zwei wichtigen Quellenfunden: Sie belegen, dass der spätere Kölner Architekt Willi Kaiser gemeinsam mit dem Krefelder Architekten Rudolf Wettstein den Bau entwarf. Beide Architekten werden auf der in einer Fotografie erhaltenen Bautafel des Baus als Architekten genannt. Rudolf Wettstein wird darüber hinaus 1934 in einem Bericht über das Haus in der Heraklith – Rundschau (August 1934) als Urheber genannt und bestätigt seine Autorenschaft in derselben Zeitschrift 1955 erneut.

Die gestalterische Nähe zu Mies ist jedoch kein Zufall. Beide waren für Mies tätig gewesen.
Willi Kaiser hatte von Januar 1929 mit Unterbrechungen bis Ende 1930 für Mies gearbeitet. Er war in die Ausführung der Ausstellung „Deutsche Seide“ auf der Weltausstellung in Barcelona involviert und ist als eine Art künstlerischer Bauleiter beim Bau von Haus Lange und Haus Esters nachgewiesen.
Rudolf Wettstein war bereits als selbständiger Architekt in Krefeld tätig. Auch sein Name ist in der Korrespondenz zum Bau von Haus Lange/Esters nachzuweisen. Es bleibt jedoch unklar, welche Position er dort inne hatte.
Die Ausführung von Haus Heusgen betreute 1932 Rudolf Wettstein alleine, während Willi Kaiser bereits nach Schweden gezogen war, um seine Ausbildung als Architekt zu vervollständigen.
Ob Mies von dem Bauprojekt seiner ehemaligen Mitarbeiter wusste und in die Planung einbezogen war lässt sich nicht klären. Die gründliche Durchsicht seines Nachlasses in New York und Chicago hat jedoch keinen einzigen Hinweis auf das Bauprojekt zu Tage gefördert.

Die genaue Analyse des erhaltenen Baus und der Planung legt die Vermutung nahe, dass wichtige Details wie zum Beispiel das sichtbar gelassene Stahlskelett, der geplante Wintergarten und eine in den Garten ragende Wandscheibe nur unvollständig oder gar nicht ausgeführt wurden, wodurch das Konzept des Entwurfs verunklart wurde.
Das Haus liegt als flacher Bau mit zurückgesetztem Obergeschoss in der Mitte des ansteigenden Grundstücks. Die Straßenfassade wirkt geschlossen und unnahbar. Der Eingang zum Haus befindet sich unsichtbar versetzt in der Fassade, wie beim Modellhaus für die Bauausstellung, das Mies 1931 für die Berliner Ausstellung realisiert hatte.
Nur im linken Drittel öffnet sich die Fassade mit bodentiefen Fenstern des zur Straße hin vorkragenden Wohnbereichs. Von hier aus, dem Verlauf der Sonne von Osten nach Westen folgend, entwickelt sich die umlaufende Fassade als Wechsel aus geschlossenen und geöffneten Partien, der den Wohnbereich einfasst und den Blick in den Garten als drei wohl kalkulierte Ausblicke inszeniert.

Das Obergeschoss mit Schlaf- und Badezimmern liegt zur Hälfte auf dem Untergeschoss, zur Hälfte auf freistehenden Säulen. Es wird auf beiden Seiten von einem Fensterband gegliedert und erinnert an den Schlafbereich im Haus Lange. Auf der Nordseite verdichtet der mit Garagenzufahrt und Wirtschaftsräumen zu einem kompakten dreigeschossigen Komplex, ein Merkmal, das auch die Häuser Lange und Esters charakterisierte. Haus Heusgen ist ein Stahlskelettbau, dessen Stützen im Außenbereich teilweise sichtbar sind. Auch im Inneren des Hauses finden sich mehrere für Mies-Bauten typische Details wieder: Fliesenböden aus Solnhofener Platten in Übergangszonen, Natursteinplatten im Wintergarten, ein Holzboden im Wohnraum sowie eine Holzwand, die jedoch nicht frei steht. Auch das halbrunde Treppenhaus hat seinen Vorläufer im Haus Tugendhat.

Literatur: Christiane Lange. Mies van der Rohe. Architektur für die Seidenindustrie. Berlin 2011.
Die Zusammenstellung der Quellen: www.thefact.se

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