09.09.2018

Lis Beyer-Volger (1906–1973)

Sie war eine der meistfotografierten Studentinnen am Bauhaus: Lis Beyer. Und sie entsprach wie keine andere dem Typ der modernen, jungen Frau der 1920er Jahre: schön, schick, mit interessanter Frisur und eigenem Stil – ein It-Girl dieser Hochschule für angehende Gestalter. So wundert es auch nicht, dass sie es war, die als Bauhaus-Weberin eines der wenigen Kleidungsstücke entwarf, die man heute zu den weltbekannten Bauhaus-Produkten zählt. Es ist ein geometrisch geschnittenes Kleid in verschiedenen Blautönen, das knapp über dem Knie endete – sensationell für 1928 und sehr gewagt.

 Weimar – Dessau – Krefeld

Lis (Elisabeth) Beyer, geboren 1906 in Hamburg, studierte von 1923 bis 1925 am Bauhaus in Weimar und anschließend bis 1929 in Dessau. Zunächst besuchte sie den Vorkurs bei Johannes Itten und nahm Unterricht bei Paul Klee und Wassily Kandinsky. Parallel lernte sie für über zwei Jahre in der Weberei bei Georg Muche und ab 1926 auch bei Gunta Stölzl. 1927 legte sie die Gesellenprüfung vor der Handwerksammer Dessau ab. Anschließend absolvierte Lis Beyer einen Kurs an der Färbereischule in Krefeld. Zurück in Dessau wurde sie Mitarbeiterin der Bauhaus-Weberei, baute dort eine kleine Färberei auf und wurde ab 1928 an der Produktion von Musterstoffen beteiligt. In diesem Jahr entstand auch das berühmte Bauhaus-Kleid.

 Eine Bauhaus-Liebe

Doch Lis Beyer treibt nicht nur ihre künstlerische und handwerkliche Ausbildung voran, sie ist auch an vielen fächerübergreifenden Aktivitäten des Bauhaus beteiligt. Als Kostümbildnerin, Sängerin und Tänzerin wirkt sie an Aufführungen der von Oskar Schlemmer geleiteten Bauhausbühne mit. Auf Fotos sieht man sie bei vielen Bauhausfesten und Freizeitaktivitäten inmitten großer Studentengruppen. Jungen Bauhaus-Fotografen und –Fotografinnen steht sie Modell für Portrait- und Aktaufnahmen. Am Bauhaus lernt Lis Beyer auch ihren späteren Mann kennen: Hans Volger. Der junge Architekt gehört zu den ersten Studenten der in Dessau neu gegründeten Architekturabteilung des Bauhaus und ist Mitarbeiter im Bauatelier von Walter Gropius. In dieser Funktion wirkt Volger am Entwurf und Bau der Meisterhäuser für die Bauhaus-Lehrer in Dessau mit. Als Lis Beyer und Hans Volger 1932 heiraten, haben beide schon das Bauhaus verlassen.

 Lehrerin in Würzburg

1929 legt Lis Beyer von der Handwerkskammer Dessau die Webmeisterprüfung ab. Über einen Freund erfährt sie von einer freien Stelle in Unterfranken und übernimmt 1929 die Handwebereiklasse einer Handwerkerschule in Würzburg. Sie organisiert die Werkstatt nach dem Vorbild der Bauhausweberei und hat schnell Erfolg: Ihre Schüler nehmen an Ausstellungen Teil, die Produkte der Klasse, darunter Kleiderstoffe, Wandteppiche und vieles mehr, verkaufen sich. Bis 1938 ist die Bauhaus-Künstlerin dort tätig.

 Umzug nach Krefeld

Währenddessen arbeitet ihr Studienfreund (und ab 1932 Ehemann) Hans Volger kurzzeitig als Architekt, absolviert noch ein Ingenieursstudium an der TH Karlsruhe und ist kurzzeitig an einer Baubehörde in Oldenburg tätig. Als Hans Volger 1938 die Stelle als  Stadtbaumeister in Krefeld antritt, zieht Lis Beyer-Volger mit ihrem Mann an den Niederrhein. Von da an sind Kunst und Weberei für die Bauhaus-Absolventin nur noch Neben- und Freizeitbeschäftigung. Das Paar bekommt zwei Kinder, lebt nach dem Zweiten Weltkrieg in einem von Hans Volger entworfenen Haus in Krefeld, in dem in einem Zimmer ein Webstuhl steht.

 Frauenbiographie des 20. Jahrhunderts

Wer sich den Lebensweg von Lis Beyer anschaut, sieht eine außergewöhnliche, aber auch typische Frauenbiographie des 20. Jahrhunderts. Da ist die junge Bauhaus-Studentin, Inbegriff der modernen Frau der 20er Jahre: selbstbewusst, berufsorientiert, individualistisch, mit kurzem Haar und kurzem Kleid: Mittelpunkt einer Szene von Künstlern und Intellektuellen. Und da ist die Ehefrau eines Bauhaus-Absolventen, die nach dem Umzug nach Krefeld vollkommen aus der Öffentlichkeit verschwindet und als Hausfrau und Mutter die traditionelle Frauenrolle annimmt und ihre engagiert erworbene berufliche Kompetenz nicht einsetzt.

 Früher Tod

Nach der Pensionierung Hans Volgers, zieht das Paar ins badische Bad Krozingen. Dort erkrankt Lis Beyer nach dem Tod ihres Mannes schwer und stirbt schließlich 1973 im Haus ihrer Tochter in Viersen Süchteln.

(hd)


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