Ludwig Mies van der Rohe

Färberei- und HE-Gebäude, Verseidag 1930

Verseidag Färberei und HE-Gebäude, 1930-1931, Erweiterung 1935

Die Vereinigte Seidenwebereien AG, kurz: Verseidag, wird 1920 von Hermann Lange und Josef Esters durch den Zusammenschluss mehrerer im Rheinland und in Thüringen ansässiger Seidenfabriken mit dem Ziel gegründet, eine stärkere Position am Markt zu erreichen. Innerhalb der nächsten Jahre entwickelt sich das Unternehmen zum größten Hersteller von Krawattenstoffen und Seide.

Zweimal beauftragt die Verseidag Ludwig Mies van der Rohe: Ende 1930 zieht man ihn zur Planung eines Büro- und Lagergebäudes mit Shedhalle hinzu, 1937 erhält er den Auftrag, das Büro und das Versandhaus des stark gewachsenen Unternehmens zu entwerfen, ein Vorhaben, das vermutlich seit 1930 besteht. Das so genannte Färberei- und HE-Gebäude der Verseidag beherbergt nach seiner Fertigstellung im August 1931 die neu gegründete firmeneigene Färberei – bis dahin hat man externe Unternehmen mit der Färbung und Ausrüstung der Produkte beauftragt – sowie ein Lager für Herren-Futterstoffe (HE).

Die Vorgeschichte des Auftrages lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren. Die Quellen lassen den Schluss zu, dass Lage und Volumen des Bauvorhabens in der technischen Abteilung der Firma bereits festgelegt sind, als man Mies gegen Ende 1930 hinzuzieht.
Die erhaltene Projektkorrespondenz belegt jedoch auch, dass Mies seit Januar 1931 die Konstruktion und Gestaltung federführend entwickelt. Die Ausführung des Baus geschieht in Zusammenarbeit mit der technischen Abteilung der Verseidag.
Der Bau wird in zwei Bauabschnitten 1931 und 1935 realisiert. Ein Bürokomplex mit zwei (vier) Etagen wird flankiert von einer Halle aus vier (acht) Sheds.

Mies führt den schlichten kubischen Bau mit weißer Putzfassade und regelmäßiger Fenstergliederung aus. Seine Längsseite wird allein durch die Fallrohre im Rhythmus 3-2-1-2-3 gegliedert. Besondere Aufmerksamkeit erfährt die Gestaltung des Haupttreppenhauses, das vollständig mit Bockhorner Klinker verkleidet ist. Im Sockel des Gebäudes und in der so genannten Rampe wiederholt sich das Material.

Bis 1937 entstehen auf dem Gelände der Verseidag weitere Gebäude, die die Formensprache des HE-Gebäudes wiederholen. Inwieweit Mies auf ihre Gestaltung Einfluss nimmt, ist nicht abschließend festzustellen. Die Errichtung des „Uhrenturms“, einem schmalen Anbau mit turmartigem Kopfstück neben dem HE-Gebäude, stößt nach Aussage eines Mitarbeiters der technischen Abteilung bei Mies auf „heftige Kritik“. Zur Planung der „Filmdruckerei“ an der Industriestraße ist wiederum eine ausführliche Stellungnahme des Architekten überliefert.

Christiane Lange, 2011

© Kristien Daem, Gent
für die Fotografien Verseidag Färberei und HE-Gebäude

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