Ludwig Mies van der Rohe

Wohnhaus Ulrich Lange, Planung, nicht realisiert, 1934–1935

1934 erhielt Mies seinen dritten Auftrag von einem Mitglied der Familie Hermann Lange: Hermann Langes Sohn Ulrich (1905 – 1972) hatte ein Grundstück am Stadtrand von Krefeld erworben in der Nähe des Krefelder Golfclubs und bat Mies, für ihn und seine Familie ein Wohnhaus zu errichten.

Die konkreten Umstände der Beauftragung und ihr Zeitpunkt sind nicht überliefert, da die Projektkorrespondenz nicht erhalten ist.
Das Projekt selbst ist jedoch auf zahlreichen Grundrissen, Ansichten, Möblierungsvorschlägen und Detailzeichnungen dokumentiert, die im Kern zwei Lösungsansätze erkennen lassen: Mies schlug seinem Auftraggeber ein Hauskonzept vor, das in fast allen Publikationen mit dem Neologismus „Hofhaus“ bzw. „court house“ in Verbindung gebracht wird. Philip Johnson fasste erstmals 1947 unter dieser Bezeichnung eine Gruppe von Entwürfen für Wohnhäuser zusammen, die auf rechteckigem Grundriss einschließlich Terrassen- und Zufahrtsflächen von haushohen Mauern umschlossen waren. Mies hatte sowohl im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus als auch ab 1938 am Illinois Institute of Technology mit Studenten diesen Haustyp bearbeitet. Außerdem konzipierte er für seine Magdeburger Klientin Margarete Hubbe 1934/35 eine größere Zahl, die jedoch ebenso wenig realisiert wurde wie der Entwurf für Ulrich Lange. Terence Riley konnte nachweisen, dass die Bedeutung dieses Haustyps vor allem im Kontext von Mies’ Lehrtätigkeit zu sehen ist. Das „Hofhaus“ stellte „eine ideale Entwurfsaufgabe“ für die Studenten dar, „weil es eine begrenzte Anzahl von Problemstellungen umfasste.“ ( vgl. Terence Riley. Vom Bauhaus zum Hofhaus. In: Mies in Berlin. . München u. a. 2002, S. 336.)
Margarete Hubbe und Ulrich Lange waren die einzigen Bauherren, für die Mies Häuser mit „Höfen“ entworfen hat.

Der erste Entwurf für das Wohnhaus für Ulrich Lange sah vor, den Wohnbereich und den Schlaftrakt als zwei getrennte, rechteckige Baukörper auszuführen, die im rechten Winkel zueinander angeordnet und durch einen verglasten Gang, der gleichzeitig die Eingangshalle bildete, verbunden waren.
Die zwischen ihnen gelagerte Fläche war teilweise überdacht und von einer haushohen Mauer umschlossen, die im Eingangsbereich in eine hohe Hecke überging. Nur gegenüber dem Wohnraum war die umschließende Mauer durchbrochen und eröffnete einen Blick in den umgebenden parkartigen Garten.

Der zweite Entwurf kann als die endgültige Fassung gelten. Die Idee der umschließenden Höfe ist prägnanter herausgearbeitet als in der ersten Fassung. Von außen stellte sich der Komplex als circa 21 x 45 Meter langer, flacher, teilweise fensterloser Kubus dar. Schlaf- und Wohnbereich waren nun nicht mehr getrennt. Die an zwei Seiten verglaste Wohnhalle lag in der Mitte der Anlage. Eine weite Öffnung der umlaufenden Mauer ermöglichte den Blick in den Park. „Damit erreichte (ich) einen schönen Wechsel stiller Abgeschlossenheit und offener Weite“, kommentierte Mies seinen sehr ähnlichen Entwurf für Magdalena Hubbe 1935.
(Vgl. Mies van der Rohe, Haus H. Magdeburg. In: Schildgenossen. 14 (1935), H. 6, S. 514.)
Er hatte einen Raum geschaffen, „der zu einem behütenden und nicht zu einem umschließenden wird“.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte Mies der Gestaltung der Wand zwischen Küche und Wohnraum. In den ersten Versionen konzentrierte er sich vor allem auf die abstrakte farbliche Gestaltung der freistehenden Wandscheibe. In der als endgültiger Entwurf zu wertenden Lösung wurde der Bereich der Küche jedoch durch eine gekurvte Wand zum Wohnraum hin abgeschlossen.
Mies war offensichtlich daran gelegen, dieses zentrale Wandelement entweder durch seine Oberfläche oder durch seine Form mit einer bis dahin in seinem Werk unbekannten und einmaligen Dynamik zu versehen.
Als er später auf diese ungewöhnliche Lösung angesprochen wurde, erwiderte er: „Ich habe nichts gegen schiefe Winkel oder Kurven. Bis jetzt habe ich noch niemanden gesehen, der sie wirklich beherrscht. Die Architekten des Barock meisterten diese Dinge – doch sie bildeten die letzte Stufe einer langen Entwicklung.“ (vgl. Norberg-Schulz: Ein Gespräch mit Mies van der Rohe. In: Baukunst und Werkform II.1958, H. 6, S. 618.)

Die Planung wurde nicht realisiert, da das Projekt auf Grund der nationalsozialistischen Neuauslegung des Verunstaltungsgesetzes nur eine bedingte Baugenehmigung erhielt, die vorschrieb, dass das Haus mit einem Wall zu umgeben sei. Die von Ulrich Lange gewünschte Realisierung des Projektes nach Kriegsende lehnte Mies ab.

Literatur: Christiane Lange: Mies van der Rohe. Architektur für die Seidenindustrie. Berlin 2011.

©Thomas Szabo, Krefeld
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