MIES 1:1

Über MIES 1:1

Für einen Sommer

Heute erinnert nichts mehr daran, dass auf dem Krefelder Egelsberges, dort wo jetzt ein Meer blauer Lupinen blüht, ein flaches, weit in die Landschaft ausgreifendes Gebilde aus Holz und Stahl  stand und einen Sommer lang über 12.000 Besucher in seinen Bann gezogen hat.

Mitten in der leicht hügeligen Landschaft stand ein lebensgroßes Architekturmodell, errichtet auf der Grundlage von Plänen die Ludwig Mies van der Rohe 1930 für ein Golfclubhaus geschaffen hatte.

Mies 1:1 Das Golfclub Projekt hieß das Ausstellungsprojekt mit nur einem Exponat, das der kleine Verein Projekt MIK e.V. als Würdigung der langen Zusammenarbeit von Mies mit der Krefelder Seidenindustrie 2013 initiierte.

Das Genter Architekturbüro Robbrecht en Daem hatte die Aufgabe übernommen, den mehr als  80 Jahre alten Entwurf von Mies als „Modell“ im Maßstab 1:1 zu vergegenwärtigen. 

Die Architekten schufen ein Objet d’architecture, eine materialisierte architektonische These, die man anschauen, durchwandern und sogar hören konnte. Vor allem während der Nacht horchte der Hund des Wachmannes immer wieder  auf wenn sich der Wind in den edelstahlverkleideten Stützen verfing und das Holz seine Spannung mit einem peitschenartigen Knall entlud.

Der Begriff „Modell“ war zunächst eine Hilfskonstruktion, die über das Ziel nur soviel aussagte, dass kein im herkömmlichen Sinne „benutzbares“ Gebäude entstehen sollte. Und es sollte auch nicht wie ein benutzbares Gebäude erscheinen. Auch darin waren Robbrecht en Daem und ich uns sofort einig.

Nicht nur vor dem Hintergrund der anhaltenden Rekonstruktionsmode war es nötig, unser Projekt von abbildhaften Nachbauten zu distanzieren, sondern auch aus Respekt vor Ludwig Mies van der Rohe.

Zu Recht wiesen einige Fachleute auf die enorme Fallhöhe unseres Vorhabens hin. Uns war bewusst, dass die Qualität des Ergebnisses nicht in der millimetergetreuen Übersetzung der Vorlage liegen würde. Eine profunde Recherche und exakte Kenntnis des Planmaterials waren vielmehr die Voraussetzung, um jenseits des Mess- und Sichtbaren zum eigentlichen Kern des Konzeptes dieses außergewöhnlichen Wettbewerbsentwurfs vorzudringen und eine eigene Sprache für dessen erstmalige Inszenierung zu entwickeln.

Paul Robbrecht und Hilde Daem mit ihrem Büro, dem heute auch einer ihrer Söhne, Johannes Robbrecht, angehört sind Architekten, deren Werk von der Nähe zur Kunst und zu Künstlern geprägt ist. Mit ihrer feinen, weit über die Architektur hinausgehenden Denk- und Arbeitsweise war ich durch ein früheres gemeinsames Projekt vertraut.

Ihre Begeisterung für die noch vage Idee, Mies Golfclub-Entwurf als 1:1 Modell umzusetzen, bot den Auftakt, das Unternehmen ernsthaft zu starten. Das war im Herbst 2010. Ihnen gilt mein erster großer Dank.

Bis zur Eröffnung des 1:1-Modells im Mai 2013 mussten vielfältige Voraussetzungen geschaffen werden. Immer wieder bestätigte sich David Chipperfield Credo von der Architektur als Prozess, deren Erfolg nicht allein auf der Genialität des Entwurfs basiert, sondern in der erfolgreichen Zusammenführung der Idee mit allen begleitenden Anforderungen und Regeln, Erwartungen und Visionen: „Architektur passiert nicht einfach(…). Sie verlangt Zusammenarbeit.“[1]

Geleistet wurde diese Zusammenarbeit von den vielen unterschiedlichen Menschen die an der Verwirklichung des 1:1-Modells mitgewirkt haben: Architekten, Statiker, Landschaftsplaner, Landwirte, Gutachter, Bauleiter, ausführende Firmen, Mitarbeiter der Stadt und der Bezirksregierung, Geisteswissenschaftler, Journalisten, Juristen, Grafiker, Drucker, Übersetzter, die Mitglieder von Projekt MIK e.V.  und viele mehr, die ihre Kompetenz und Zeit zum Teil auch ehrenamtlich eingebracht haben. Zu ihnen kamen nach der Eröffnung diejenigen hinzu, die während der Laufzeit den Ort und die Besucher betreuten und für die Organisation und den Ablauf der  zahlreichen Veranstaltungen sorgten.

Von allen erforderte Mies 1:1 konstruktives, unkonventionelles Denken, egal ob es um die Genehmigungsverfahren ging, einen Internetzugang mitten im Acker oder eine Vortragsveranstaltungen im 1:1 Modell bei Wind und 13 Grad. Das Projekt hätte an vielen Stellen scheitern können aber es fanden sich immer Lösungen. Vielleicht lag es an der „ephemeren Heiterkeit“ die ein Kritiker dem Projekt attestierte. [2] Dafür möchte ich allen Mitwirkenden danken.

Mein dritter  großer Dank gilt den Privatpersonen und Stiftungen, die unser Vorhaben  finanziell unterstütz haben. Mit ihrer Förderzusage haben sie sich für ein Kulturprojekt ausgesprochen für das es keine Vorbilder oder Referenzen gab und das außerhalb der einschlägigen Kulturzentren stattfinden würde.  Es gab keine offensichtliche Erfolgsgarantie. Mut war gefordert und Vertrauen in die Qualität der Idee und unserer Arbeit. Dafür danke ich im Namen aller Mitwirkenden.

„Es war ein intellektuelles Vergnügen, im Kopf Mies van der Rohes herumzulaufen. Jetzt ist es ein physisches und emotionales Vergnügen und auch ein kleines Wunder, dass wir in den Räumen von Mies herumlaufen. Und später wird es in unserm Kopf sein, in unserer Erinnerung “, sagte Paul Robbrecht am Tag der Eröffnung von Mies 1:1 .

Mit dem vorliegenden Band möchten wir diese Erinnerung weitertragen und kultivieren.

Christiane Lange,  September 2014

[1] „Architecture does not just happen, it is a coincidence of forces, a conspiracy of requirements, expectations, regulations and hopefully, visions. It requires collaboration and its success is subject to the quality of that collaboration.“ David Chipperfield: Texttafel Ausstellung „Common ground“ Architektur Biennale Venedig 2012
[2] Kay von Kietz: Mies erleben. Raum II: Ludwig Mies van der Rohes Golfclub. In: der architekt 6-2013 S. 42-43.
[1] „Architecture does not just happen, it is a coincidence of forces, a conspiracy of requirements, expectations, regulations and, hopefully, visions. It requires collaboration and its success is subject to the quality of that collaboration.“ David Chipperfield, text plaque at the exhibition Common Ground, Architecture Biennale, Venice 2012.
[2] Kay von Keitz, „Mies erleben. Raum II: Ludwig Mies van der Rohes Golfclub“, in: Der Architekt, No. 6, 2013, p. 42–43.

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