04.06.2018

Thyra Hamann-Hartmann (1910 – 2005)

Die Bauhaus-Künstler und –künstlerinnen, die in den 1930er Jahren als Lehrkräfte in Krefeld ein neues Tätigkeitsfeld fanden, bildeten nicht nur Nachwuchs für die Industrie aus. Einige der Schülerinnen und Schüler von Johannes Itten, Georg Muche und Elisabeth Kadow fanden später Anstellungen in der Lehre an Fachschulen oder erhielten Professuren und trugen das weiter, was sie in Krefeld gelernt und erfahren hatten. Eine der ersten Schülerinnen in Georg Muches neu eingerichteter Meisterklasse für Textilkunst war Thyra Hamann.

Berlin – Rheydt – Krefeld

Thyra Hamann, geborene Petersen, stammte aus einer großbürgerlichen Familie, wuchs in Hamburg auf und heiratete bereits mit 19 Jahren. Als ihr erster Mann Kurt Hamann 1937 starb, stand sie – zwar finanziell abgesichert – als 27jährige junge Witwe mit zwei kleinen Töchtern vor der Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen wolle. Sie entschloss sich für eine Ausbildung in der Web-Abteilung der Berliner Höheren Fachschule für Textilindustrie. Während eines Volontariats in einer Rheydter Weberei bewarb sie sich 1939 erfolgreich um eines der Stipendien für ein Studium an der Krefelder Meisterklasse und erhielt einen der begehrten zehn Plätze.

Stipendiatin und Assistentin

Schon ein Jahr später wurde Thyra Hamann Georg Muches Assistentin. Parallel nahm sie, wie andere Krefelder Entwerferinnen auch, in Berlin privaten Unterricht bei dem Maler und Matisse-Schüler Oskar Moll. Der Künstler war vor 1933 Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie gewesen und von den Nationalsozialisten direkt nach der Machtübernahme entlassen worden. Obwohl offiziell als Vertreter der „entarteten Kunst“ verfemt und geächtet, diente Moll der Textilindustrie und insbesondere Muches Meisterklasse als Berater.

Die Malkurse bei Moll, jeweils in den Semesterferien, verhalfen Thyra Hamann zu größerer gestalterischer Sicherheit. Sie erhielt ein eigenes Atelier in der Krefelder Webschule, zwischen dem Atelier Muches auf der einen, und dem des ehemaligen Bauhaus-Schülers Max Peiffer Watenphul – zu der Zeit Zeichenlehrer an der Webeschule – auf der anderen Seite. Schon 1945 wurde Thyra Hamann die Leitung der Weberei übertragen, die der Meisterklasse für Textilkunst angeschlossen war.

Von Krefeld nach Bielefeld

Thyra Hamanns eigene Arbeiten wurden in Berlin und Krefeld 1948 im Kaiser Wilhelm-Museum ausgestellt. Ihr Entwurf für eine Wandbespannung in der 1948 wiedereröffnete Frankfurter Paulskirche erhielt den ersten Preis bei einem von der Krefelder Seidenindustrie ausgelobten Wettbewerb. 1950 wurde sie an die Meisterschule nach Bielefeld berufen, wo sie die Klasse für textile Flächenkunst aufbauen und leiten sollte. Ihre Arbeit dort war geprägt von dem, was sie in Krefeld an Bauhaus-Ideen und –Pädagogik gelernt hatte. Ihre Bielefelder Textilklasse formte sie zu einer der profiliertesten unter den rund 20 Werkkunstschulen in Deutschland.

In Bielefeld lernte Thyra Hamann ihren zweiten Ehemann kennen, den Architekten Hans Hartmann, der von 1948 bis 1961 Direktor der Werkkunstschule Bielefeld war und dort auch Leiter der Abteilung Baukunst. „Hartmann verdammt alle Muster auf Dekorationsstoffen und hat im Grunde recht damit“, schrieb Hamann über die kritische Haltung ihres Mannes in einem Brief an eine ehemalige Schülerin. „Aber“, fuhr sie fort, „mir macht‘s halt Spaß, die Fläche aufzuteilen.“

Professorin mit fünf Kindern

Die Ehe mit Hartmann stellte Thyra Hamann – inzwischen Mutter fast erwachsener Töchter – vor eine neue Herausforderung. Ihr zweiter Ehemann brachte ebenfalls drei noch kleine Kinder mit in die Ehe. Das bedeutete für die erfolgreiche Professorin Thyra Hamann-Hartmann in den 50er Jahren eine außerordentliche Herausforderung. Geprägt von den Erfahrungen als berufstätige mehrfache Mutter engagierte sich die Textilkünstlerin neben der Lehre in einer internationalen Frauenorganisation intensiv für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Erfolgreiche Textilkünstlerin

Thyra Hamann-Hartmann erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem 1954 die Silbermedaille auf der Mailänder Triennale, 1958 und 1970 Ehrenurkunden der Weltausstellungen Brüssel und Osaka und 1973 den Kulturpreis der Stadt Bielefeld. Ab 1976 lebte sie als freie Künstlerin in Berlin, wo sie 2005 im Alter von 94 Jahren starb.

 

(co/hd)


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